Super, cool, ok, wow, super, wow, ok, cool.

Freitag.

Berlin.

Ich überquerte die Straße und wurde aber in der Mitte, an der Stelle mit den Straßenbahnschienen, von einem vielleicht Mitte 30jährigen Typen gestoppt, der wissen wollte, wo es zum Alexanderplatz geht. 

Er sagte nicht “Hallo” oder “Entschuldigung, darf ich Sie kurz was fragen?” oder 

“Könnten Sie mir bitte helfen?” 

Er sagte nur: “Alexanderplatz? Da lang, oder?”

Ich sagte, nein, da lang.  

Er schaute aber sowieso nicht in die Richtung, die ich ihm zeigte, sondern auf sein Handy, auf die Kartenapp und meinte, da könnte er doch eigentlich auch die Prenzlauer Allee runtergehen und ich sagte, ja, aber das wäre ein Umweg und schon gingen wir nebeneinander her und waren in ein Gespräch vertieft. 

Ich mags ja manchmal ganz gerne, wenn Typen so ein bisschen eindimensional sind. 

Er zB. wirkte so, als ob er sich mit Autos auskennt und eine Lieblingsfußballmannschaft hat, oder gerne Burger isst, bzw. eine kleine überteuerte Neubau- Dachterrassenwohnung bewohnt, mit Loungemöbeln aus diesem grauen Plastikrattan draußen und Sofalandschaft und Expeditregal drinnen und immer steht ein Kasten Mineralwasser auf dem blitzblanken Küchenboden, neben dem Kühlschrank. 

Eine Nespressomaschine gibts auch und sicherlich frönt er irgendeiner stupiden Sammelleidenschaft, vermute ich. 

Spidermanfiguren, alte Werbeblechschilder, Festivalbändchen, Turnschuhe? 

Bei dem bräuchte man keine Zusammenhänge herstellen, sondern ich bräuchte mich nur auf die Verarbeitung von Außenreizen zu konzentrieren. 

Gespräche mit solchen Kollegen laufen von alleine ab, auf Autopilot sozusagen und gerade hat man noch übers Wetter geredet: Heiß, im Vergleich zu gestern nämlich und ab morgen solls ja auch wieder schlecht werden und schon tauscht man Zungenküsse aus.

Aber so weit kam es nicht, diese Gedanken kommen mir auch erst jetzt. 

Gerade weil es schien, als ob wir jetzt einfach immer so weitergehen könnten, bis zum Fernsehturm und von da aus bis zum Funkturm und zur Turmstraße und meinetwegen auch alles wieder zurück, verabschiedete ich mich und bog ich nach einer nicht unerheblichen gemeinsam zurückgelegten Wegstrecke, scharf nach links ab, denn es muss ja nicht immer alles sein, was sein könnte und wer weiß, ob es überhaupt sein konnte. 

Ich bleibe aber derzeit lieber im Korridor. 

Mit “Korridor” meine ich den konventionellen Handlungsspielraum, die Normalität, bzw. das normgerechte Verhalten sozusagen. 

Ich habe das Bild vom Korridor entwickelt, als ich mal einer Freundin, die aus privaten Gründen ein bisschen durchgedreht war, klarmachen wollte, dass sie mit ihrem Verhalten (nicht mir gegenüber) gerade den normalen Handlungskorridor verlassen hatte.

Obwohl sie zu dem Zeitpunkt ganz schön irre war, hat sie sofort verstanden, was ich meinte, auch wenn sie nicht dazu bereit war, mit dem zu Weit- Gehen aufzuhören. 

Deswegen glaube ich seitdem, dass jeder Mensch weiß, ob er sich noch im Korridor der Normalität befindet, oder nicht.

Egal wie psychopathisch, verzweifelt, nymphomanisch, depressiv oder gewissenlos man gerade sein mag, weiß jeder immer, was Weg und was Abweg ist, vermutete ich.

Obwohl… da bin ich mir mittlerweile auch nicht mehr so sicher. 

Ich beispielsweise, passe derzeit messerscharf auf, den Korridor nicht zu verlassen.

Aber ich ecke trotzdem überall an und werde zurechtgewiesen und bekomme gesagt, ich hätte den Korridor verlassen, dabei haben doch die anderen ihre Korridore verlassen und rennen mir die Türen ein und kommen mir in die Quere, aber behaupten, ich sei ihnen in die Quere gekommen, obwohl ich doch gar nichts mache und ganz langsam und vorsichtig in der Mitte meines Korridors balanciere, um meinen Rücken zu schonen und meine Nerven. 

Aber genau das ist der Fehler. Wenn man einmal in der Defensive ist, kommt man da nicht mehr raus. 

Zum Beispiel, am allergeheimsten Ort. Da gibt es so viele Regeln und es werden jedes Mal mehr, besonders wenn man sich davon einschüchtern lässt.

Ich wasche mir dort zwar schon direkt nach der Ankunft die Hände, aber ich vergesse trotzdem immer noch, meine Jacke an der Garderobe aufzuhängen. 

Und ich merke es jedes Mal zu spät, dass ich das schon wieder vergessen habe und zwar erst dann, wenn ich schon sitze und die Jacke neben mich auf die Bank lege. 

Er schüttelt mittlerweile nur noch den Kopf. 

Hat wohl kapiert, dass mir das nicht mehr beizubringen ist, bzw. ich doch hoffentlich beim nächsten Mal daran denken werde.

Wenn wir uns unterhalten, lasse ich sicherheitshalber lieber nur ihn reden, aber auch das ist schwer, denn ich muss ja irgendwie zum Ausdruck bringen, dass ich ihm zuhöre, aber als ich das tat, hat er gesagt, dass ich bitte nicht mehr “ok” oder “wow” sagen soll und auch nicht “super” und auch nicht “cool”, weil das zum einen amerikanisch ist und zum anderen kindisch klingt und er hat ja recht damit, aber wenn ich die nicht sagen darf, diese Worte, dann bleiben die in mir stecken und dann habe ich gar keine anderen Worte mehr im Kopf. 

Super, cool, ok, wow, super, cool, wow, ok.

Als er mich dann fragte, ob ich hungrig sei, habe ich mich erstens nicht getraut, nein zu sagen und zweitens war ich tatsächlich hungrig, aber nicht sehr. 

Aber als er fragte, ob eine oder zwei Kellen Suppe, sagte ich trotzdem zwei, denn nur eine habe ich mich nicht getraut zu verlangen, denn er hatte doch gesagt, dass er sich freut, dass ich Hunger habe.

Und als er fragte, ob lieber warm oder kalt, die Suppe, sagte ich “warm bitte” und dachte, dabei, oh nein, ich Depp, jetzt muss er die erst aufwärmen, die Suppe und dann dauert das so lange und ich will doch aber eigentlich bald los, weil ich noch verabredet bin und ich wollte ihm sowieso keine Umstände machen, aber ich muss “warm, bitte” wohl zu leise gesagt haben, denn er servierte mir die Suppe kalt und tat noch einen Riesenklecks Schmand drauf und ich dachte, das hätte jetzt nicht sein müssen und auch die frischen Lauchzwiebelscheiben nicht, die er hocherfreut und ohne zu fragen, in mein Schälchen gestreut hatte, denn ich wollte doch gleich noch woandershin. 

Und dann stand das Schälchen vor mir, voller Suppe, Schmand und Zwiebeln und er sagte: “Lässt du bitte nichts übrig.” 

Und darum musste ich das Schälchen auslöffeln und außerdem war das ja wahnsinnig lieb von ihm, mich so zu bewirten, dass muss man an dieser Stelle ja auch mal dazu sagen.

Er sah mir zufrieden dabei zu, wie ich meine, also seine, also unsere Suppe aß und machte mich großzügig darauf aufmerksam, dass ich den Klecks Schmand ruhig unterrühren dürfe, aber ich sagte, „Nein danke“, denn sonst hätte ich die Suppe nicht essen können, denn ich hasse es, wenn Essen zusammengerührt wird.

Es gibt ja auch Leute, die rühren das Apfelmus in den Milchreis hinein, oder zerquetschen die Kartoffeln mit der Gabel auf dem Teller und panschen die dann mit der Sauce zusammen und schon von dem Anblick vergeht mir der Appetit.

“Sehr gut. Machen nicht alle so.” sagte er und seufzte. 

Das war den Leuten wohl nicht auszutreiben, ihre Suppe umzurühren, wenn sie es wollten und Schmand, Croutons und Lauchzwiebelscheiben und Suppe zu vermanschen und in eine amorphe Masse zu verwandeln, so wie es mir auch nach etlichen Besuchen bei ihm, nicht beizubringen war, meine Jacke gleich nach dem Hereinkommen und vor dem Händewaschen an die Garderobe zu hängen. 

Den nächsten Fauxpas beging ich, als ich das Schälchen hinterher abspülen wollte, obwohl mir sowas gar nicht ähnlich sieht, aber ich war nun mal ängstlich und verwirrt.  

“Bitte wäschst du hier nichts ab.” hat er gesagt und ich habe mich entschuldigt und war dann aber dermaßen verwirrt, dass ich beim Hinausgehen die Türklinke berührt habe, obwohl er mir schon so oft gesagt hatte, dass das verboten ist und er derjenige ist, der mir die Tür öffnet, wenn ich gehe und ich mittlerweile sicher war, dieses Gebot schon lange verinnerlicht zu haben.

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