Mystischer Akkord

Die Verabredung stand schon lange fest. Ich hatte mir fest vorgenommen, sie diesmal wirklich einzuhalten, also nicht wegen der Sache an sich, sondern es ging mir darum, überhaupt mal wieder eine Verabredung einzuhalten, also nicht kurz vorher, währenddessen, oder danach abzusagen.

Aber diesmal wollte ich es durchziehen und hingehen, wollte es mir beweisen, dass ich es noch kann: Wort halten. 

Genau darum und nur deswegen hatte ich es überhaupt gegeben, weil ich es halten wollte, das Wort. 

Die Sache an sich, war ja auch gar nicht mal so schlecht. Der Plan war, sich mit irgendwelchen Leuten, irgendwo am Wasser zu treffen, hatte Mr X gesagt. 

Es sollte sogar ein aufblasbares Boot geben, hatte Mr X versprochen und bei Temperaturen um die 30 Grad, klang das nach ganz genau dem richtigen Projekt. 

Aber als es so weit war, als der heiße Tag wie versprochen, herangekommen war, da geschah es wieder: Ich sagte ab. 

Es ging nicht anders, weil mir war dann plötzlich doch nicht mehr so danach. 

Zu weit weg das Wasser und außer Mr X kannte ich die Leute doch gar nicht, die sich da treffen wollten. 

Ich hatte das schon so oft erlebt, meistens fand ich keinen Anschluss, oder zu viel Anschluss und dann war man da, irgendwo im Nirgendwo, mit irgendwelchen Leuten und musste lächeln, seinen Namen sagen und interessant sein und interessant finden.  

Hatte Mr X nicht sogar gesagt, dass da eine Griechin und eine Italienerin dabei sein würden, recht jung, aber total lustig? 

Die Leute aus dem Mittelmeerraum sind meistens so lebendig und haben uns Deutschen so viel Lebenslust und Sinnenfreude voraus und lustig ist ja oft gleichbedeutend mit gesprächig, so kenne ich das jedenfalls von mir und dann würde man den ganzen Tag mit denen auf vier Quadratmetern Decke an einem schattigen Platz am Wasser verbringen und rundherum wäre auch schon alles voller Menschen, denn wer will nicht so einen schönen sonnigen Tag, an einem schattigen Platz am Wasser verbringen? 

Und den einen von Mr Xs Kumpels, die auch dabei sein sollten, hatte ich schon mal irgendwo gesehen, jedenfalls konnte ich mich an den Namen erinnern, aber nicht an das Gesicht, also war er bestimmt nicht attraktiv, dachte ich und wenn er es nicht war, dann würden die anderen Jungs es auch nicht sein und dann würde mir nur noch Mr X zum Reden bleiben und mit dem rede ich ja sowieso die ganze Zeit, dafür muss ich nicht extra irgendwohin ans Wasser fahren. 

Also sagte ich die Verabredung ab und entschied, die Nachmittagsstunden trotz des schönen Wetters allein zu Hause zu verbringen, das kommt ja nicht so oft vor, dass ich mal allein zu Hause bin. 

Aber dann rief der Frankfurter an und ich hörte es nicht und sah es zu spät und ging deswegen nicht ran, aber er schickte mir eine Nachricht, dass er demnächst im Mauerpark aufschlagen würde, mit seinem italienischen Nachbarn und ich antwortete, nein, ich komme nicht hin, weil ich mich entschieden hätte, die Nachmittagsstunden trotz des schönen Wetters allein zu Hause zu verbringen. 

Aber dann dachte ich, dass ich den Frankfurter gerne wiedersehen würde und ich ihn außerdem schon seit Herbst nicht mehr gesehen hatte und dass ich, wenn ich alt bin, noch mehr Zeit und Gelegenheit, als mir lieb sei, dazu haben würde, die Nachmittagsstunden trotz des schönen Wetters allein zu Hause zu verbringen und es sein könnte, dass ich mich dann ärgern würde, nicht mehr unter Leute gegangen zu sein, als ich es noch konnte, als man sich noch für mich interessiert hat, als man mir noch Nachrichten schickte, dass man demnächst im Mauerpark aufschlagen würde. 

Also schrieb ich dem Frankfurter, dass ich es mir anders überlegt hätte und ich nun doch in den Mauerpark käme, um ihn zu treffen. 

Und er antwortete, er sei noch unterwegs und würde sich wieder melden, wenn er wüsste, wo genau im Mauerpark er aufgeschlagen sei. Das tat er dann auch und ich sagte, ich würde gleich losgehen und in einer halben Stunde dort sein. Letztendlich bin ich dann beinahe doch nicht und schließlich zwei Stunden später losgegangen, aber es war noch Zeit genug, um die Nachmittagsstunden aufgrund des schönen Wetters draußen im Freien zu verbringen. 

Ich fand den Frankfurter mitsamt seines Nachbarn, inmitten tausender Menschen, die alle den Nachmittag aufgrund des schönen Wetters im Freien verbrachten, auf einer Decke auf einer Wiese inmitten des Sonnenscheins sowie des Mauerparks. 

Der Nachbar war voller Lebensfreude. 

Er ging auf Händen, er schlug Purzelbäume, er machte Handstand und Kopfstand, während der Frankfurter und ich, uns unterhielten und dabei Bier (er) und Prosecco (ich) tranken. 

Sein Nachbar kugelte derweil auf alle erdenklichen Arten um uns herum und war mal nah, mal fern, mal nah, mal oben, mal unten, mal gebeugt, mal gestreckt.

Nachdem der Frankfurter und ich die Dinge geklärt hatten und das weitere Vorgehen feststand, gab ich Fersengeld, das heißt, ich machte mich spornstreichs davon, denn ich war jetzt irgendwie müde und betrunken, oder umgekehrt und hatte ja nun auch schon genug Nachmittagsstunden aufgrund des schönen Wetters im Freien verbracht und war mit dem Frankfurter bis auf Weiteres verblieben.

Doch als ich in die Oderberger Straße einbog, erreichte mich eine Message des “Mannes aus der Zukunft”, wie ich den schon oft hier erwähnten Diplomaten ab jetzt nennen werde, aufgrund seiner überdurchschnittlichen Körpergröße, seiner Jugend und seiner stets neuen Turnschuhe, seiner guten Laune und Manieren, sowie seiner weiteren Accessoires: Sonnenbrille, Goldkettchen, Iphone1000 und der Farbe seines Basecaps, die aus Datenschutzgründen an dieser Stelle geheim bleiben muss. 

So traf ich also auch noch mit diesem zusammen und gestand ihm meine plötzliche Verachtung für mich selbst, an diesem Spätnachmittag. Scheinbar hatte ich was Schlimmes angestellt, möglicherweise hatte ich mein Wort nicht gehalten, was aber eigentlich niemand schlimm fand, außer mir, daher handelte es sich, um eine grundlose Selbstverachtung, die aber dennoch danach drängte, gestanden zu werden. 

Er antwortete mit einem Nietzsche- Zitat: 

“Wer sich selbst verachtet, achtet sich doch immer noch dabei als Verächter.” 

Woraufhin er und ich, sofort gewaltig in meiner Achtung stiegen, falls so etwas überhaupt noch möglich ist. 

Wenig später trennten sich unsere Wege, nachdem er von einer plötzlichen inneren Unruhe erfasst, sich entfernte, woraufhin ich, diverse Umwege beschreitend, den Heimweg antrat, wo eine plötzliche Schwermut, wie sie einen nur an einem Sonntagabend erfassen kann, mich rasch in meine Bettstatt trieb und tiefen traumlosen Schlaf.

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