LEXO/ BODY/ ALPJA/ EHFD

Hallo, ich bin hier. 

In einer abgehängten Kleinstadt in Ostdeutschland, mit stillgelegten Industrieruinen am östlichen Ortsausgang. Ja, da bin ich, in einem dieser Nester, auf die man in der Regel, nur flüchtige Blicke aus einem Zugfenster ergattern kann. Rote Dächer, stille Gassen, in denen, seit Anbeginn der Zeiten, nur noch sehr wenige, gutgelaunt- frustrierte alte Menschen wohnen, von Geburt bis zum Tode 65 Jahre alt seiend. Sie sind unbestreitbar da, überall und ausschließlich jede ostdeutsche Kleinstadt bevölkernd.

In dieser Stadt, gibt oder gab es sogar Kinder oder Jugendliche, also es muss sie geben, zwar sind die Bushaltestellen intakt, liegen unter den Bänken am Waldrand keine Schnapsflaschen oder gar Jointstummel und die Straßenbäume bleiben ungerammt, aber 

unter der Autobahnunterführung gibt es Beweise für ihr Hiersein, in Form äusserst ungelenk ausgeführter Graffiti- Inschriften: 

LEXO/ BODY/ ALPJA/EHFD steht da und man sieht den Buchstaben die Verzweiflung über den Abgrund zwischen Wollen und Können an. 

Weil die Fähigkeiten der Graffitisprüher, und ihre Horizonte warum auch immer, so hoffnungslos begrenzt sind, ist den unter die Unterführung gepinselten Worten, nichtmal das Wollen anzusehen. 

Man kann die Schrift also strenggenommen nicht als Graffitti bezeichnen, im Grunde handelt es sich auch nicht um Schrift. 

Es sind einfach nackte Buchstabenhüllen, entfernt buchstabenformige Umrisse, des Sinnes beraubte Zeichen. Buchstabengeister. Und als solche womöglich abstraktes Ebenbild ihrer Schöpfer.

Buchstabengeister, geschaffen von Jugendlichengeistern.

Und auch ich existiere ausschließlich als Geistwesen in dieser Stadt und darum wird man mich dort niemals antreffen können und der einzige Beweis meiner Anwesenheit ist dieser Text, der nichts weiter ist, als eine andere Art Graffitti auf einer anderen Art von Unterführung, aber er existiert aus dem gleichen Grund und will das gleiche sagen. 

ICH WAR HIER. 

Still ist es in der Stadt. Tagein tagaus. Tot, aber sauber ist es im Ort. 

Es gibt Leerstand, aber keinerlei Vandalismus. 

Die Häuser der Toten verfallen von alleine, die Fensterscheiben werden nicht mutwillig zerbrochen, sondern fallen wenn überhaupt, eines Tages von selbst aus den Rahmen, kippen nach einer Sturmnacht, aus dem bröckelnden Kitt ins Innere. 

Drinnen rieselt der Putz auf die braunen Sessel. 

Daneben, auf dem Tischchen breitet sich noch die “Mitteldeutsche Zeitung” vom 18.4. 2012 aus. 

Der Kulturteil kündet vom: “Internationalen Akkordeonfestival im Volkshaus Jena Beginn 20 Uhr”, die Rubrik Kalenderblatt begibt sich: “Auf die Spuren der Zarin im Schlosspark Zerbst”. Die Lokalseite meldet: “Fahrraddieb mit Drogen erwischt” und: “Elterninitiative sammelt Unterschriften gegen Schließung der Grundschule Hedersleben”.

Das Kreuzworträtsel wurde angefangen, aber nicht beendet. Im Zeitungsständer neben dem blinden Röhrenfernseher, vergilbt die kostenlose Fernsehbeilage, von deren Deckblatt Carmen Nebel nun schon über ein Jahrzehnt lang, lächelnd in die Stube grüßt. 

All dies bleibt für die Vorübergehenden unsichtbar und zwar für immer, denn vor den kleinen Stubenfenstern hängt nach wie vor, die halbdurchsichtige Gardine, der STORE und auf dem Fensterbrett vertrocknet nach wie vor, auf seine Art dekorativ, ein blumenkohlartiges, teils rosa, teils blaues Gewächs im ornamentalen Behältnis. Goldener Gips? Bastverkleidete Bootsform mit geschwungenem Bug? flankiert von drolliger Tierfigur aus Draht, Häschen aus Kork, Styroporflamingo, Eichhörnchen, aus in Farbe getauchten Kienzapfen. 

Was auch immer es ist. 

Nie wieder wird dieses abstoßende Stück kess blinzelnden Industriemülls, das Begehren eines anderen lebenden Wesens, als dasjenige der lange verstorbenen Person(en) erringen können, die es einstmals auf dieses Fensterbrett platzierten, es neben dem Blumenarrangement straßenseitig ausstellten, als Gruß an die Vorübergehenden, vor den eigenen Blicken, aber durch den mittlerweile schiefstaubigen Store verborgen.

Warum ausnahmslos alle alten Menschen im Städtchen und alle in den Nachbarorten und ebenso die, in den Nachbarorten der Nachbarorte, diese halbdurchsichtigen Stores vor den Fenstern haben, darüber wird nachzudenken sein, beziehungsweise, warum sie aus der Mode kamen oder auch in sie hinein. 

Denn, warum sich vor Blicken schützen? 

Die Neugier der Nachbarn hat sich schon zu Lebzeiten der Hausbewohner erschöpft, musste ohnehin niemals über Gebühr aufgebracht werden, waren sie doch welche von ihnen, mit ortstypischen Vor- und Nachnamen ausgestattet und war man doch seit jeher über sie im Bilde, genau wie das auch umgekehrt der Fall war. 

Wusste man übereinander Bescheid, über Ehen, Kinderscharen, Berufe, Krankheiten, Reisen, Schornsteinreparaturen, Mitgliedschaften im Kirchenchor, sowie Rassegeflügelzuchtverein.

So gab man ein Bild ab, wurde man deutlich hinter den Stores erahnt, wie auch die Vorübergehenden, die, wenn man gemütlich im Fernsehsessel saß, mit einer Tasse Kaffee (?) hinter dem stets geschlossenen Store, als deutliche Umrisse zu erkennen waren. 

Genauere Beobachtung war weder nötig, noch erwünscht. Was man voneinander wissen wollte, wusste man.

Die noch lebenden Nachbarn haben ihre Stubenfenster ähnlich dekoriert: Gardine, Blume, Deko. 

Allerdings wählen sie regelmäßig neue Objekte aus, denn sie leben ja noch. Sei es ein hölzerner Fliegenpilz, eine Zwergenfamilie, ein Blechherz auf dem steht: 

“Liebe Mama, ich sage es Dir viel zu selten: Danke”.

Welch sinnlos offenes Bekenntnis. Wozu braucht man Stores, wenn man sich gleichzeitig SOWAS ins Fenster stellt?

Sinnlos offener Schluss. 

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