Die Aussenwelt der Innenwelt der Aussenwelt

Montag.

Berlin.

Ich bin befangen: 

Ich stehe unter ständiger Beobachtung. Ich werde auf der Straße erkannt und angesprochen. Man bittet mich darum, Autogrammkarten zu versenden. Fremde bitten mich um Rat. Fremde senden mir Links zu Videos ihrer Lieblingsmusik zu. 

Ich habe Groupies und Möchtegerngroupies. 

Ich bin unbefangen:

Ich beobachte meine Beobachter. Ich unterhalte mich mit denen, die mich auf der Straße erkennen und ansprechen. Ich versende auf Wunsch Autogrammkarten. Ich gebe Fremden Rat. Ich schicke Fremden Links zu Videos mit meiner Lieblingsmusik zurück. 

Ich schlafe mit meinen Groupies und möchte gern mit meinen Möchtegerngroupies schlafen. 

Alles läuft also prima, aber seltsamerweise kommt es mir jetzt so vor, als sei ich schon mal unverzagter gewesen. Gerade jetzt, wo es überhaupt keinen Grund mehr gibt, verzagt zu sein. 

Ausgerechnet jetzt, wo sich alles sortiert, ordnet, zum Guten wendet, stelle ich alles in Frage, verliere ich das Gefühl für richtig und falsch, verliere ich die Richtung, dreht sich mein innerer Kompass ziellos um sich selbst. 

Ist mir dauernd übel, aber nur ein bißchen. 

Habe ich Rückenschmerzen, aber nur ein bißchen. 

Bin ich wach, aber nur ein bißchen. 

Bin ich schläfrig, aber nur ein bißchen. 

Weil ich mich nicht abgrenzen kann. Weil ich kalte Suppe esse, wenn man mir welche hinstellt. Weil ich das Geschehen nicht steuern kann oder will, sondern ich das was mir in den Weg ragt, einfach so hinnehme und durchlebe, weglebe, drumherumlebe, dran vorbeilebe.

Weil ich das schon immer so gemacht habe und ist das bisher eigentlich gut gegangen oder schlecht?

Vielleicht müsste ich endlich lernen, mich abzugrenzen, aber das sage ich mir schon so lange und das werde ich wohl nicht mehr lernen, hat mir jemand gesagt, den ich um Rat gefragt habe. 

Ich bitte Leute neuerdings oft um Rat, meine Angelegenheiten betreffend und entweder raten mir dann alle dasselbe, oder jeder rät mir etwas anderes. 

Wenn mir ein Ratschlag passend vorkommt, dann halte ich mich an den, oder auch nicht und egal was ich tue, ergibt sich aus meiner Handlung ein neues Problem und dann muss ich wieder wen um Rat bitten.

Man darf aber niemanden um Rat bitten und sich als schwach und kompasslos zu erkennen geben.

Wenn man sich verletzlich gibt und seine Wunde zeigt, weckt das Mordinstinkte und lädt dazu ein, dem schwachen verletzbaren Verletzten weitere Verletzungen zuzufügen. 

Anstatt einen Rat zu bekommen, werden einem Vorwürfe gemacht und man wird zurechtgewiesen, werden Augen verdreht und Anschuldigungen ausgesprochen.

Jedoch: 

Gibt man sich stark und unverletzlich, denken die Leute, man sei unverwundbar und könne das ab und dann bekommt man erst recht was aufs Dach. 

Man darf also nicht so empfindlich sein und sich deswegen, die ganze Zeit über irgendwas ärgern, oder sich durch irgendwas verletzt fühlen und darum verzagen und deswegen der Meinung sein, des Rates, sowie der Hilfe und Zuwendung, der Aussenwelt zu bedürfen, woraufhin diese das zum Anlass nimmt, einem diese Schwäche vorzuwerfen und daran ist man dann selber schuld, wie auch an sonst allem.

Ich bin aber empfindlich. 

Leider, denn:

Die Aussenwelt ist bei Verwirrungszuständen unbrauchbar, denn in Zeiten der inneren Verwirrung, spiegelt die Aussenwelt nur die Innenwelt. 

Darum wäre es besser, sich tief im Wald vor allen zu verstecken, denn es ist logisch, es ist klar, es ist natürlich, natürlich: 

Wenn man die Aussenwelt an der Innenwelt teilhaben lässt, dringt die Aussenwelt in die Innenwelt ein.

Folge: Die Verwirrung wird größer statt kleiner.

Das heißt:

Wenn die Innenwelt zur Aussenwelt wird, wird die Aussenwelt zur Innenwelt.

Die Aussenwelt der Innenwelt der Aussenwelt. 

“Die Innenwelt der Aussenwelt der Innenwelt.” (Peter Handke, suhrkamp, 1969)

Ich wiederhole:

Wenn die Innenwelt zur Aussenwelt wird, wird die Aussenwelt zur Innenwelt.

Sicherheitshalber drücke ich mich nicht deutlicher aus, um mich von der Aussenwelt abzugrenzen und genau das zu verhindern.

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