Akzeptanz Teil Vier

Liebe Gemeinde,

Zu Weihnachten war ich krank. 

Also, ich hatte diverse Symptome. Alles deutete auf Omikron hin:

Laufende Nase. Müdigkeit. Halsweh. Nachtschweiß. 

Am 22.,23.,24,25. wollte ich aufstehen, aber es ging nicht. Ich konnte nicht. Also, was tun? 

Ich lebe ja nicht allein und die Kinder freuten sich seit Wochen auf Weihnachten und ich fühlte mich mies und schuldig. Ich durfte ihnen das jetzt nicht auch noch verderben. 

Was war denn nur los mit mir? War ich wirklich krank? Oder war das so eine Art psychosomatischer Streik? Oder hatte ich mich über den Äther an Eric Blancs Covid angesteckt? 

Oh weh. Ich? Mit der panischen Grippe? Mit dem “harmlosen Atemwegsinfekt?” Hatte ich es mit einem Ätherdurchbruch zu tun, oder gar mit einem Impfdurchbruch? 

Am liebsten wäre ich einfach nur im Dunkeln liegen geblieben. 

Meine Matratze hängt in der Mitte durch, weil ich auf mein neues Bett wahrscheinlich noch einen Lattenrost legen müsste, aber das wusste ich nicht, als ich es kaufte. Woher soll man sowas wissen.

Aber die Matratze ist 23 Zentimeter dick und nun wölbt sie sich in der Mitte nach innen, weil ihr der Halt fehlt und ich liege darin, wie ein neugeborener Vogel in seinem Nest. 

Ich verstärkte den Effekt durch ein langes Kissen links und eins rechts von mir und natürlich eins unterm Kopf. 

Auf dem linken Nachttischchen liegen das Fieberthermometer, die Ibus und steht ein Kelch mit frischem Quellwasser. 

Auf dem rechten Nachttischchen liegt meine “aktuellen Bücher”: 

“Schauplatz Berlin” von Ruth Andreas Friedrich und Gracians “Handorakel” und natürlich das lautlose Smartphone.  

Aber Weihnachten feiern? Wie sollte das gehen? Konnte ich? Durfte ich?

“Lass Dich testen!” riet mir der einzige Mensch, auf dessen Rat ich höre, nämlich mein Ex- Exmann. “Und wenn Du negativ bist, reiß Dich zusammen, knall Dir zwei Ibus rein. Nicht beide auf einmal, sonst bist Du gleich am Schweben. Sondern erst eine und dann die andere und dann geh zu Deiner Mutter und feier Weihnachten!”

Oh Gott. Absolut impossible. Aufstehen? Zum Testzentrum gehen? Danach womöglich Weihnachten feiern? 

Jedoch, ich fühlte, dass er recht hatte und dass es keinen anderen Weg gab. 

Weihnachten! Die Kinder! Die Geschenke! Das Essen! 

Wenn ich da nicht auftauche, dann… ist das nicht so schlimm… Aber die Geschenke müssen unter den Baum!

Da sich niemand erbot, sie zu holen, vermutlich, weil man dachte, ich simuliere, musste ich sie bringen und wenn ich schon mal da war, könnte ich auch gleich bleiben, alles andere wäre dann doch zu krass. 

Obwohl ich es in Erwägung zog… Mit dem Taxi vorfahren. Klingeln. Jemand würde hinunterkommen, mir die mit Päckchen gefüllten Taschen und den Champagner abnehmen und ich würde direkt zurück nach Hause fahren… Aber ich wusste nicht, wie ich das in der App eingeben sollte… 

Und ich hätte den Taxifahrer trotzdem darum gebeten, mich zurück zu fahren… wenn er nicht so stark parfümiert gewesen wäre… und so alt… und so streng…Irgendwie erinnerte er mich an meinen verstorbenen Großvater… und an einen Exfreund… Also, er war mir sympathisch der Taxifahrer… gleichzeitig fühlte ich mich aber auch unwohl in seiner Gegenwart… irgendwie schuldig. In der Gegenwart meines Großvaters fühlte man sich auch immer schuldig… Er hatte immer so etwas Vorwurfsvolles an sich, wenn er ein bis zwei Mal im Jahr bei uns zu Hause erschien. Dieser gestrenge Blick durch die dicke Brille. Dann seine seltsamen Geschenke: 

Bitterschokolade! Oder “After Eight”… Oder Lakritze… Für mich die ungenießbarsten, abscheulichsten aller Süßigkeiten… 

Oder ein orangefarbenes T- Shirt aus kratzigem Stoff… Oder ein merkwürdiges Buch… Ein historischer Ost- Kinderroman über Marco Polo… Ich habe eigentlich immer alles gelesen, aber dieses Buch nie…

Und ich habe ihm NIE irgendwas geschenkt. Doch. Später. Ein Fotoalbum mit Fotos seines Enkelsohnes. Woraufhin er “uns”, also mir und meinem Mann jedes Jahr Fotoalben überreichte. Darin Fotos von mir und meinem Sohn und meinem Mann… die er von uns bei unseren Besuchen geschossen hatte… auf denen wir alle schlimm aussahen… mit roten Augen… aus ungünstigen Perspektiven… verkrampft lächelnd…

Warum also dieses Schuldgefühl in seiner Nähe? Wahrscheinlich Übertragung… Weil er sich schuldig fühlte… Wegen Verlassens der Oma vor 1000 Jahren… Hätte er gar nicht müssen… sowas kommt vor…

Jedenfalls der Taxifahrer… Siddique hieß er, das wusste ich wegen der App… sprach ein astreines Deutsch.. wahrscheinlich hochgebildet. Vielleicht ein Professor aus dem Iran… 

Dicke Brille, wie mein Opa und der eine Ex von mir… auch Iraner. Der war auch immer so vorwurfsvoll…

Der Taxifahrer… mit diesem strengen Parfüm dazu und dem krassen Geruch nach altem Mann. 

Jedenfalls, ich war froh, als ich aussteigen konnte. Wäre er schweigsamer gewesen. Jünger. Ohne Brille. Mit flotter Musik, also Elektro, oder Klassik. Vieleicht wäre ich nicht ausgestiegen… Aber so. Sprang ich geradezu aus dem Automobil. Und darum beging ich Gottseidank, das Weihnachtsfest dann doch mit meiner Familie. 

Aber wir müssen einen Schritt zurückgehen: 

Ungetestet könnte ich mich bei meiner Familie nicht blicken lassen. Positiv getestet erst recht nicht und negativ getestet musste ich das Fest der Liebe begehen, um meiner Kinder Willen.

Die Kinder waren schon bei meiner Mutter. Ich hatte mich geniert, es zu tun, aber letztendlich aufgrund akuter Schwäche keinen anderen Ausweg gesehen, als die Feierlichkeiten von mir zu ihr zu verlegen und die Kinder hatte ich schon einen Tag vorher zu ihr geschickt, denn ich war ja krank. Oder “krank” ?

Mutter hatte am Telefon gesagt: “Klar, haut Dich das um, das Eric nicht kommt.”

Denn war ich wirklich krank??? 

Oder war meine Krankheit nur psychosomatisch? Und dann aber eigentlich nicht gültig? Und ich eigentlich nur faul? Schlampig? Soziophob?

Und darum schämte ich mich erstens meiner Schwäche und fühlte ich mich zweitens schuldig und drittens dachte ich: Scham und Schuld? Ich dachte, Du blöde Kuh hättest das überwunden, Du erbärmliche Loserin und viertens dachte ich:

Nein mein Liebling, nichts ist je endgültig überwunden. Nur manchmal, ganz kurz hat man irgendeine Art Durchblick und steht kurz mal drüber. Es sind kleine Schritte, immer nur kleine und das ist alles.

Es gibt keinen Durchbruch, außer dem Impfdurchbruch. Es geht immer nur einen Schritt vor und wenn man nicht aufpasst, zehn Schritte zurück. 

Nach der Erleuchtung ist vor der Erleuchtung.

Und ich dachte noch so allerlei und lag dabei aber im Bett und war krank oder nicht krank. Jedenfalls hatte ich was. Aber was?

Also, andere lassen sich nicht impfen. Ich will lieber nicht so genau wissen, warum nicht, denn ich bin geimpft und falls es nun ganz schlimme Argumente gegen MRNA gibt, was dann? So eine Impfe bekommt man doch nie wieder raus!

Aber ich hingegen, hatte die Maxime, mich nie, um keinen Preis, testen lassen zu wollen. Weil ich Angst vor dem stechenden Schmerz des Teststäbchens in der Nase hatte. 

Panische Angst.

Aber ich tat es, also ich ließ mich das allererste Mal in meinem Leben auf COVID testen, weil das der einzige Weg war und ich dachte:

“Ich bin sicherlich positiv, denn ich habe was und ich fühle mich mies und ich habe alle Omikron- Symptome und wenn ich positiv bin, dann habe ich aber Delta, weil Omikron ist noch so weit weg, und dann weiß ich auch nicht mehr, was ich machen soll, denn die panische Grippe hat keinen guten Ruf und ich will nicht auf die Intensivstation und ich will niemanden anstecken, aber ich war gestern noch im Lidl, trotz deutlicher Symptome, weil ich dachte, ich muss, wegen Weihnachten und außerdem stand in der Berliner Zeitung, man soll Vorräte anlegen, wegen der zerstörten Lieferketten, wegen der bevorstehenden OmikronWAND und am Dienstag war ich noch bei ungeimpften Freunden zu Besuch und wenn ich die infiziert habe, dann infizieren die jetzt ihre Familien und es hätte nur einen Vorteil, positiv zu sein, ich dürfte offiziell im Bett liegen bleiben und hoffentlich bin ich positiv.”

Also, ich ließ mich testen und es war gar nicht schlimm und die waren alle ganz lieb und es tat gar nicht weh, weil die das Stäbchen nur so weit reingesteckt haben, wie es ging und das fühlte sich sogar ein bisschen angenehm an und ich habe trotzdem fast geheult, vor Angst, weil ich so ein dermaßenes Weichei bin. 

Und dann war der Test negativ.

Aber ich war trotzdem krank. 

Aber wegen des negativen Tests jetzt auch offiziell eine Simulantin. Denn ich diagnostizierte mir, eine Art negatives Imposter- Syndrom. 

Beim normalen Imposter- Syndrome https://de.wikipedia.org/wiki/Hochstapler-Syndrom halten sich bekanntlich erfolgreiche Menschen, für jederzeit enttarnbare Hochstapler. 

Erfolge werden externalisiert, also sie denken, nur wegen Glück oder Zufall wären sie dort, wo sie sind und nicht aufgrund von Leistung. 

Misserfolge werden internalisiert, also schreiben sie sich selber zu. 

Zwei von fünf erfolgreichen Menschen seien vom Imposter Syndrom betroffen, sagt man. Besonders Frauen, oder auch BiPOC beträfe dies, sagt Google.

Ich hingegen und das geht mir nicht zum ersten Mal so, fürchte, wenn ich krank bin und dies sage, für eine Simulantin gehalten zu werden. 

Und mache es dadurch nur noch schlimmer. 

Denn: 

Manche sind nicht gut im Lügen. Ich bin nicht gut darin, die Wahrheit zu sagen.

Telefonate, die ich führen muss, um wegen Krankheit, Anwesenheiten abzusagen, gehen so:

“Krank. Aha… Was hast Du denn?”

“Ja, also ich bin ganz schwach und mir tut alles weh und ich habe Halsweh und mir läuft die Nase und ich bin total schlapp und würde am liebsten nur schlafen und ich habe so seltsame Schweißausbrüche und dann ist mir wiederum total kalt und…” 

Und schon während ich das sage, fühle ich mich plötzlich komplett gesund und muss meiner Stimme daher so einen künstlich- leidenden Anstrich geben, aber weil ich mich plötzlich so gesund fühle, stimmt mich das dermaßen euphorisch, dass ich im Grunde nur noch frohgemut jubilieren kann… und ich mir sicher bin, dass man mir das Lächeln 1A anhört… ich also versuche noch leidender zu klingen und ich bin aber eine extrem schlechte Schauspielerin…

“Haha… Krank, ja…? Sicher, dass es kein Kater ist?”

“Nein, gar nicht! Ich habe das schon die ganze Woche… Es ist schlimm… Fühlt sich an, wie Omikron…”

“Soso… Naja, sehr schade, dass Du nicht kommst. Und “Gute Besserung” 😉 “

“Daaaaaaanke!” jubiliere ich singend und übersprudelnd vor Lebensfreude in den Hörer und lege auf…

Aber vielleicht bilde ich mir das auch ein, dass man mir Simulanz unterstellt. Was sagt das über mich aus, wenn ich glaube, dass man mir zutraut, ich würde mich durch Vortäuschen einer Krankheit vor dem Weihnachtsabend drücken wollen…

Und was sagt das über meine Angehörigen aus? Wie unterminiert müsste da das Vertrauen sein? Wie schuldig müssten denn die sich da in Wirklichkeit, mir gegenüber fühlen, wenn sie ernsthaft denken könnten, ich würde eine Krankheit erfinden, um dem gemeinsamen Beisammensein am heiligen Abernd beim Fest der Liebe fernbleiben zu können? 

Wir wären ein gefundenes Fressen für jeden Psychologen und Familienaufsteller… 

Gestört. Einfach nur gestört…Wie alle Familien…

Jedenfalls tat ich, wie der Exex mir geraten hatte. 

Ich nahm erst Ibu 1, dann Ibu2. Ich schmückte sogar noch kurzatmig und zittrig den teuren Baum. Nichtmal DAS hatte ich bisher hinbekommen.  

Ich duschte. Ich verpackte die Geschenke, ich rief mir, wie gesagt, ein Taxi und ich fuhr hin und feierte Weihnachten und irgendwie bekommen wir das immer hin, weil wir eine wunderbare Familie sind: Es war magic. 

Und dann fuhr ich schleunigst wieder heim.

„Alles klar… “ sagten meine Angehörigen. „Für Bescherung und Essen warst Du gesund genug. Aber jetzt auf einmal wieder „krank“, ne? Na da kann man nichts machen… „krank“ ist krank… hihi.“

Ich enteilte vor dem Dessert… Fiel beim Zubinden meiner Schuhe beinahe in Ohnmacht…

Die Kinder, ins Spiel mit ihren Geschenken vertieft, blickten kaum auf, als ich ihnen hastig Küsse auf die Köpfe drückte.

Mir war so schwach.

Kaum war ich im Freien, griff ich in die Manteltasche, fand das Gesuchte und zündete mir eine Marlboro Light an.

Inhalierte tief und ging meiner Wege… Wenn die das gesehen hätten, hätten sie die Köpfe geschüttelt…

„Krank…naja…Alles klar…. Na muss sie selber wissen….“

An der Straßenbahnhaltestelle entsorgte ich den bis zum Filter heruntergerauchten Stummel, in einem der orangefarbenen Berliner Mülleimer. Ergriff das Mobiltelefon und nutzte die vier Minuten Wartezeit auf meine Bahn, um eine Textnachricht zu verfassen, um wegen Krankheit meine Mitternachts- Verabredung zu canceln. Auch hier verwendete ich aus Furcht für eine Schwindlerin und Simulantin gehalten zu werden, zu viele Worte und wurde daher vermutlich für eine Schwindlerin und Simulantin gehalten. Jedenfalls war die Antwort nur ein knappes: „Ok“, ohne „Gute Besserung“, andererseits hätte mir das auch nicht geholfen, wahrscheinlich hätte ein Genesungswunsch mein Gefühl, bezüglich meiner Krankheit zu lügen, nur noch mehr verstärkt.

Zuhause legte ich mich ins Nest und machte mir Gedanken. Wegen der Simulanz und dem schlechten Eindruck, den mein offensichtliches Lügen überall hinterlassen musste.

Ich lag im Dunkeln und fragte mich, warum um Himmels Willen, ich so eine schlechte Show abgezogen hatte?

Und legte zwei Ibus nach, wegen der heftigen, pulsierenden Kopfschmerzen, die mich nun plagten, (oder angeblich plagten…), weil ich den Rückweg ohne Mütze angetreten hatte… und ohne Taxi…

Warum tat ich mir das an, bestrafte ich mich, in dem ich vor dem Dessert den wunderbaren Weihnachtsabend verließ, versagte ich mir das interessante Treffen um Mitternacht, nervte ich alle mit meinen Wehwehchen…

War ich denn wirklich krank, wenn doch der Test negativ war?

Was hatte ich denn?

Ich testete mich per Online- Fragebogen auf Burn- Out, denn vielleicht hatte ich ja das und das Testergebnis war positiv und ich hätte mich bei der Gelegenheit, auch gleich noch auf “Depression”, “Wechseljahre”, “Eisenmangel”, Blutunterdruck und PTBS, sowie Long Covid, Hypersensibilität, Hochbegabtheit, Schilddrüsenunterfunktion, ADHS und Borderline testen können…

Warum kann man sich nicht mittels Rachen- oder Nasenschleim auf alles testen lassen? dachte ich.

Warum haben die keine extralangen Tests im Testzentrum, mit Fensterchen für jedes Disease?

Aber dann fiel mir das Anfangskapitel von

“Drei Mann in einem Boot, vom Hunde ganz zu schweigen” von Jerome K. Jerome ein, in welchem sich der Erzähler aufgrund der Lektüre eines Buches mit Krankheitssymptomen, zu dem er greift, um “Schwindelanfälle” nachzuschlagen, sämtliche der darin erwähnten Krankheiten diagnostiziert, von Leberschaden, über Typhus, Veitstanz und Diphterie, mit Ausnahme des Kindbettfiebers. 

Deswegen stieg ich vom Krankheiten googeln auf Tiktok um.

Und dann schlugen die Ibus an.

Aber nichts half. Bis ich mich wieder auf die

Akzeptanz besann.

Akzeptanz der mir eventuell unterstellten Simulanz.

Akzeptanz, dass ich was habe, oder auch nichts habe.

Akzeptanz dessen was ist, auch wenn ich nicht weiß, was es ist.

Ich akzeptierte.

Und fühlte mich, wie ein neugeborener Phönix, der aber noch eine ganze Weile in der Asche liegen bleiben muss/ will/ kann.

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