AKZEPTANZ TEIL EINS

Liebe Gemeinde,

Juhujuhu! Ich freu mich so. Bald ist Weihnachten :)))) 

Das ist doch super. Tolltolltoll.

Wegen der Kinder, der freien Tage, der göttlichen Gnadenstrahlung, der Zusammenkunft der Familie, den Glöckchen und den stundenlangen gemeinsamen Gesängen, begleitet von meinem virtuosen Klavierspiel, der mannigfachen Geschenke unterm Christbaum, wegen der Speisen, wegen des Schampusses und des Weihnachtsmannes!

Schon in sehr wenigen Tagen kehrt nämlich Eric Blanc zurück.

Übermorgen oder überüberübermorgen oder überüberübermorgen morgens oder mittags oder abends wird er da sein!

Eric Blanc is voraussichtlich asap back in town.

Dann kann er Spongebob und Patrick der Vater sein, der er ist.

Ihnen diese direkte ungeteilte Aufmerksamkeit geben, welche sie so dringend brauchen, als Gegengewicht zu meinem mütterlichen Wankelmut und der häuslichen Wieselhaftigkeit, welche meiner weiblichen Disposition zum Multitasking geschuldet ist. 

Eric wird während seiner Anwesenheit, mit seiner Autorität, hoffentlich meine neuerdings standardmäßig angezweifelte, eventuell nie vorhanden gewesene Autorität wiederherstellen, bzw. noch weiter untergraben.

Spongebob und Patrick hören schon lange nicht mehr auf mich.

Wenn ich sage, “Zieht euch an.” 

Ziehen sie sich nicht an. 

Wenn ich hoch oben auf der Leiter stehe und ich in Spongebobs Zimmer endlich die Vorhänge anbringe und ich aber unvorhergesehen, Werkzeug X brauche, aber deswegen nicht extra hinunterklettern will und ich zu Spongbob sage: 

“Könntest Du mir bitte Werkzeug X bringen, das liegt nebenan in der Schublade, wo auch die Scheren sind.”

Ist sie natürlich TOTAL genervt, aber dann:

Ja gut, dann steht sie auf und geht nach nebenan.

Ich stehe auf der Leiter und warte und höre auch, wie nebenan eine Schublade aufgezogen und wieder zugezogen wird. 

Warum macht sie das mit so viel Schwung? Muss sie denn so laut mit der Schublade knallen? Das hat das schöne Möbelstück nicht verdient…

Aber so schlimm war es vielleicht nicht.

Ich will deswegen jetzt nichts zu Spongebob sagen, das führt doch nur wieder zu sinnlosen Diskussionen…

„?Was meinst Du?“ wird sie sagen und mich dabei anschauen, als sei ich hirntot.

„Na ist nicht so wichtig.. werde ich sagen… aber bitte nicht so heftig mit dem Möbelstück umgehen.“

Sie wird total gleichmütig die Achseln zucken, wegen meines absurden Anliegens und sich abwenden und murmeln…

„Ich habe die Schublade nicht zu heftig zugezogen.“, wird sie sagen und ich dann:

„Hm, aber wer dann sonst. Was ich gehört habe, habe ich gehört. Egal, machs einfach nicht nochmal.“, würde ich antworten und hoffen, die Sache wäre geklärt, aber dann würde Spongie dieses gewisse Gesicht ziehen und sagen: 

“DU wolltest doch, dass ich dir Werkzeug X bringe, warum hast du es Dir nicht selbst geholt?”

und sich wütend abwenden. Und ich hätte gesagt:

„Aber Du hast mir Werkzeug X nicht gebracht!“

Und sie: „In der Schublade war kein Werkzeug X.“

„Doch. Ich weiß es genau. Du hast nur nicht richtig hingesehen…“

Was für ein KOMPLETT sinnloser Talk wäre das gewesen…

Darum sage ich nichts. Ich klettere von der Leiter, gehe nach nebenan, öffne die Schublade, hole mir die Zange selber, klettere wieder auf die Leiter und setze mein Werk fort.

Singe lalalalalala und denke: Akzeptanz.

Jeden Tag gibt es 5 bis 6 solcher Situationen und manchmal ist es nicht einfach, da die richtige Haltung zu finden, denn ich bin ja nicht Buddha und Spongebob soll sich auch gesehen und gespiegelt fühlen und nicht nur leer angelächelt werden und ich möchte aber auch nicht ständig entweder ignoriert werden, oder wegen schlechtem Service kritisiert werden und sogar ICH möchte mich manchmal unterhalten, oder es wäre nice, wenn jemand auch mal über einen meiner Jokes lacht, anstatt dass die immer so als Steilvorlage genutzt werden, um ein genervtes Gesicht aufzusetzen.

“Ja gut,” sage ich dann irgendwann zu Spongebob und tue so, als führte ich laut Selbstgespräche. 

“Das ist jetzt halt so.“ sage ich also laut vor mich hin und räume dabei die Spülmaschine EIN bzw AUS…Obwohl sie das ja machen sollte… aber…

„Spongebob ist elf“ setze ich fort…

„… und das bleibt jetzt so, bis sie 18 ist. Da muss ich jetzt durch. Ich muss es akzeptieren, ich kanns ja nicht ändern. Ich darf das nicht persönlich nehmen, das gehört zur Pubertät. Sonst ist sie ja ein liebes Mädchen…. „

„Aber ich habe eigentlich keine Lust, tagein tagaus gemobbt zu werden…Andererseits, dauert die Phase ja nur acht oder neun Jahre. Das geht schnell vorbei und ich werde mich schon dran gewöhnen, irgendwann…”  

Spongebob hört mir dann immer ganz genau zu und irgendwann lächelt sie dann und ich streichle ihren lieben runden Kopf und wir kommen wieder auf einen Nenner.

Akzeptanz.

Denke ich…

Akzeptanz bedeutet nicht, nur Omm zu sagen und die Handflächen auf Höhe des Brustbeins aufeinanderzulegen und sich auf seine Atmung zu konzentrieren.

Es geht nicht darum, seine Gefühle zu unterdrücken.

Man darf sie fühlen, muss sie aber nicht jedesmal in Handlung umwandeln.

Man kann sie auch einfach mal so stehenlassen, ohne was zu sagen, ohne was zu tun. 

Man kann auch so ein unangenehmes Gefühlchen mal aushalten und es sich in Ruhe anschauen. Man muss auch nicht fürchten, dass man wegen der Innehalterei gleich stagniert, oder phlegmatisch wird,.

Es dauert ja meistens nicht sehr lange, bis wieder irgendwas anderes los ist.

Bald ist Eric da und der ist pädagogisch begabter als ich, oder er kann Selbstbewusstsein besser als ich vortäuschen und das ist gut für Spongebob, auch wegen der Hausaufgaben.

Ich bin so schlecht im Hausaufgabenbetreuen.

Zwischen Müttern und Töchtern gibt es zu viele Emotionen und Empfindlichkeiten. Eric ist stabil.

Spongebob und ich sind nah am Wasser gebaut, emotional instabil. 

“Zerbrechlich.” wie Eric sagt.

“Patrick, mein Schatz. Ich gehe jetzt duschen und habe dir HIER Socken und Leggings hingelegt. Wenn ich mit Duschen fertig bin, hast Du die Sachen angezogen, ok?”

“Ok.” sagt Patrick, aber als ich aus der Dusche komme, hat sie sich nicht angezogen.

“Ok Patrick, ich ziehe mich jetzt an und du dich auch, ja? Und jetzt müsste es etwas schneller gehen. Du willst doch nicht zu spät zur Schule kommen.”

Aber als ich angezogen bin, hat Patrick gerade ein Beinchen in der Legging.

Ich will ihr da jetzt aber auch nicht mehr helfen. Sie ist so groß und schwer mittlerweile und ich möchte nicht hektisch an ihr herumzerren und wenn wir nachher etwas schneller laufen, oder ich unterwegs ein Leihfahrrad finde und ausleihe, dann kann ich Patrick auf den Sattel setzen und den Ranzen vorne im Korb festklemmen und dann müssten wir es auf die Minute genau schaffen. Wenigstens das.

Denn Patrick zieht sich nicht an, kämmt sich auch nicht die Haare, zieht die Schuhe nicht an und die Jacke auch nicht , also erst nicht und dann in Zeitlupe und Eric hatte da irgendwie mehr Drive hineinbringen können, schien mir.

Wenn Eric da ist, muss ich mich ja… Also da muss ich vielem mit AKZEPTANZ begegnen.

Also das wird gewiss kein Spaziergang…

Und langsam…

Also eher schneller als langsam…

Wird das Geld ein bisschen knapp…

Also beruflich muss ich mich auch wieder mehr bewegen…

Aber wie soll das gehen, wenn Eric wieder abgereist ist…?

Also in Sachen Leistungsfähigkeit? 

Also in Sachen Abgabefristen und Qualitätsanspruch, im Spannungsfeld zu Mutterrolle und Haushaltsführung und Freundeskreis und Ruhebedürfnis und Spassbedürfnis?

Nicht dass mir da wieder wochenlang die Lebensfreude abhanden kommt. Besonders in der Kombi mit dem neuen Problemfeld: Gefährlicher Geldmangel…?

Nein, es bleibt spannend, es könnte vielleicht sogar dramatisch werden, also wenn Spongebob weiterhin so finster aufgelegt bleibt… 

Also ich bleibe im Kreislauf. 

Hamsterrad würde ich es nicht nennen, denn uns geht es ja vergleichsweise prima und wenn ich mir diesen Dreh mit der AKZEPTANZ erhalte, dann kommen wir da schon irgendwie durch…

Jedenfalls… ja gut. Alles wie gehabt, das ist ja auch ganz schön. Eine wieselartige Mama mit zwei entzückenden Kindern im Herzen der Großstadt…

—-

Schade. Ich hatte mir irgendwie zum Jahreswechsel hin, eine konkretere Erleichterung, einen signifikanteren Wechsel erhofft. 

Eine Bewegung nach oben, nicht nach unten.

Na gut. Nichts zu machen.

Das fühlt sich ein wenig so an, als ob Aschenputtel nach der Hochzeit ins Schloss kommt und sie möchte natürlich gleich mit dem Prinzen in sein schönes großes Schlafzimmer, mit den riesigen Fenstern mit weitläufiger Aussichtauf den  Schlosspark…

Aber er hält sie am Ärmel fest, gerade als sie freudig über die Türschwelle tänzeln will…

“??? Aschenputtel? Du willst Dich doch nicht etwa in mein schnuckeliges Himmelbettchen legen??? Spinnst du? Da geradeaus und dann links ist die Küche und da ist der Ofen und  vor dem Ofen liegt Dein  Aschehaufen schon für Dich bereit. Gute Nacht.”

Ist das so?

Ein ewiger Kreislauf? Kein Land in Sicht? Mein wertvolles Body-Geist-Potential geschrottet und zerrieben von Anforderungen und vorwurfsvollen Kinderaugen und langen Abwesenheiten Eric Blancs und im Hirn immer noch nichts weiter als die endlose Folge von Erniedrigungen und Beleidigungen, welche mir von seelischen Krüppeln zugefügt wurden?

Und im Vormärz, wenn die ersten Krokusse blühen…Dann komme ich entkräftet aus meiner Höhle gekrabbelt, leerer Blick aus tiefen Augenhöhlen…

Oh Deutschland, du bleiche Mutti vom Kollwitzplatz…

Der Tod ist eine Mutter vom Kollwitzplatz,..

I´m still alive, I will survive. murmele ich vor mich hin. 

Aber WIE????

Deutschland im März 22. Wenn Käthe Kollwitz noch leben würde, dann würde sie uns zeichnen. 

Mit Kohlestift und viel Schatten unserer selbst und tonnenweise Mitleid….

Weil wir so ausgezehrt sind, weil wir seit Wochen an diversen Hungertüchern knabbern…

Unser Speiseplan ist schrecklich profan mittlerweile…

Keine irische Butter mehr. Nur noch “Milsana” auf Knäckebrot von “Burger”.

Nicht mal WASA ist noch drin…

No more “Alnatura” Erdbeerkonfitüre, oder wenigstens “Bonne Maman”…

NICHTMAL ZENTIS!!!

Wir können uns auch keine Markenklamotten mehr leisten.

Müssen uns von Kopf bis Fuß in Esmara hüllen.

Ich muss mit Formil wäschewaschen. Die Zeiten der ARIEL- PODS sind für immer wie ich nachts manchmal fürchte, passé…

Statt “innocent” Smoothies habe ich jetzt immer zwei 1,5L Flaschen “River Cola” im Kühlschrank.

Nur noch spanische Gurken, sind für uns drin. Nur noch griechischer Spargel und holländische Erdbeeren.

Lieber keine Eier essen, als noch ein einziges Mal die billigen Käfigeier im 12erpack kaufen, hat Spongebob verlangt…

Seitdem fülle ich nachts heimlich die heimlich erworbenen einheitlich industriebraunen Dioxinbällchen in eine grüne “Rewe Spitz und Bube Bio Eier- Wir garantieren die Aufzucht der männlichen Hähnchen Schachtel” um.

Spongebob bemerkt keinen Unterschied, wenn es Spaghetti Carbonara zum Abendessen gibt.

Statt “Gläserner Molkerei” nur noch “Milsana H-Milch 1,8 Prozent”

Kein Geld für Brot von Zeit für Brot.

Statt Sushilieferung am Sonntagabend, gibts Fischstäbchen von Ocean Sea!

Wenn überhaupt…

April 2022: 

Die Kinder weinen. 

Ich musste sparen. Habe Netflix, Youtube Premium und Spotify Premium ersatzlos gestrichen!

Demnächst werden sie uns sowieso das WLAN abklemmen, tröste ich meine Kinder. 

Dann können wir Abends richtige Bücher lesen!  

Die Abende werden immer länger und heller. Das ist gut, weil wir dann nicht so viele von den Kerzen verbrauchen müssen…

Mai 2022:

Die Schulen sind wegen einer neuen Variante dicht. 

Wir verbringen die Tage je nach Wetter auf dem U- Bahnhöfen Senefelder Platz, oder Eberswalder Straße. 

Wegen des BVG- Wifis…

Wegen des Zoom Unterrichtes…

Ich lese derweil wirklich Papierbücher… 

Habe ja Hausverbot im Internet, wegen Hassrede…

September 2022:

Eines Nachts liege ich so lange wach, bis auch der letzte Groschen gefallen ist…

Nach einem kurzen Gebet besinne ich mich und suche ich mir einen Job und komme schließlich bei den “Gorillaz” unter.

Aber nicht als Percussionistin an der Seite von Damon Albarn. 

Sondern als Rider*in.

September 2031: 

Bin nach wie vor bei den Gorillaz.

Als Ghostriderin. 

Noch Jahre nach Pandemieende bin ich immer mit Maske unterwegs…

Aus Scham oder Stolz. 

Ich habe schon lange vergessen, warum und dass es einen Unterschied zwischen den beiden gibt….

Meine ehemaligen Kollegen, Freunden und auch die alten Kameraden sollen mich nicht erkennen, wenn ich ihnen den Manchego, das Sixpack Crémant de Loire und die Apollinaris -Mineralwasserkästen vor die Loftttüren stelle…

2 Kommentare

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So was Ähnliches habe ich auch schon mal geschrieben, im März 2020. Darf ich deinen sehr schönen Satz „Das geht schnell vorbei und ich werde mich schon dran gewöhnen, irgendwann“ völlig aus dem Zusammenhang gerissen zitieren, liebe Ruth?

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